Netzsperren in den Niederlanden

Stopschild-Seite in den Niederlanden

Ich wohne zur Zeit in den Niederlanden. Ein tolles Land. Sie sind das erste Land in Europa, dass Netzneutralität per Gesetz festgeschrieben haben. Leider ist dieses Gesetz doch nicht so umfassend und universell, wie man vielleicht meinen möchte: Denn auch hier gibt es Anti-Piracy-Organisationen, die die Durchsetzung von Urheberrechten verfolgen. Die treibende Kraft hier ist die BREIN. Und diese Organisation hat Schritt für Schritt durchgesetzt, dass der Zugang zu ThePirateBay von den größten ISPs in den Niederlanden blockiert werden muss. Leider erlaubt das Gesetz solche Ausnahmen (nicht-offizielle Übersetzung); siehe auch im Netzpolitik-Blog:

1. Providers of public electronic communication networks which deliver internet access services and providers of internet access services do not hinder or slow down applications and services on the internet, unless and to the extent that the measure in question with which applications or services are being hindered or slowed down is necessary:
[…]
d. to give effect to a legislative provision or court order.

Und genau das ist vor einigen Tagen passiert und in Kraft getreten: Die größten Provider des Landes, Ziggo, XS4ALL, UPC, KPN, T-Mobile, Tele 2 und Telfort müssen den Zugriff zur Filesharing-Plattform auf IP- und DNS-Level sperren. Der CEO meines Providers, Tele2, findet das nicht toll, beugt sich aber dem Gesetz (Übersetzung von mir):

»Tele2 ist vom in Den Haag erlassenen Gesetz gegen Tele2, T-Mobile, UPC und KPN enttäuscht. Tele2 findet die Filterung von Internetverkehr grundlegend falsch und findet, dass ISPs nicht die Rolle der Polizei übernehmen sollten. Das erlassene Gesetz öffnet ein bodenloses Fass, dessen zukünftige Konsequenzen noch unabsehbar sind. Günther Vogelpoel, CEO von Tele2 NL: ›Heute fordert BREIN die Blockade von ThePirateBay, aber morgen stehen vielleicht schon andere Interessengruppen mit ihrer Blacklist vor der Türe. Der Erlass von heute ist eine Niederlage und ein Rückschlag für die Internet-Freiheit (Netzneutralität) in unserem Land‹.«

Doch wie sieht die Sperre konkret aus? Möchte man (mit unverändertem DNS-Server) auf http://thepiratebay.se zugreifen, landet man auf einer Stopschild-Seite (Screenshot). Die Umleitung funktioniert per DNS-Manipulation; statt der korrekten IP-Adresse (194.71.107.15 oder 194.71.107.19) des entsprechenden TPB-Hosts wird die der Stopp-Seite zurück geliefert:

ping thepiratebay.se
PING thepiratebay.se (62.58.50.168): 56 data bytes
64 bytes from 62.58.50.168: icmp_seq=0 ttl=56 time=124.009 ms

Per alternativem DNS-Server 1 erhält man zwar die korrekte IP-Auflösung, doch keine Daten:

ping thepiratebay.se
PING thepiratebay.se (194.71.107.15): 56 data bytes
Request timeout for icmp_seq 0
Request timeout for icmp_seq 1
Request timeout for icmp_seq 2

Denn die Provider müssen den Datenverkehr auch auf IP-Level — Layer 3 — blockieren. Das Katz-und-Maus-Spiel ist schon los gegangen und TBP hat sich schon eine andere IP zulegt. BREIN ist natürlich der Meinung, diese IP(s) nun auch sperren zu wollen, die Provider weigern sich jedoch dagegen und fordern eine erneute Klage.

Mit diesem Filter-Gesetz wird meiner Meinung nach die Netzneutralität grob verletzt, denn es ist wie schon so oft gesagt wurde: Steht erst die Infrastruktur (und das ist jetzt so), ist es leicht, die vormals auf TPB begrenzte Sperre auf andere Seiten und Ziele (Glücksspiel, Drogen, …) auszuweiten.

Dass die Sperren dabei wieder nicht die »Schlauen« treffen, dürfte wohl auch BREIN klar sein: Per VPN2 kommt man nach wie vor zu ThePirateBay. Ebenfalls ist es sehr einfach, per Proxy-Seite auf Mirrors zuzugreifen, denn das Ziel des Filesharings ist ja ohnehin nicht, die Website von TBP zu besuchen, sondern Dateien dezentral auszutauschen. Und das funktioniert über wenige Zeichen langen Magnet-Links nach wie vor einfach. Auch dem Austausch der Links über andere Mittel steht nichts im Wege, der Datenverkehr per BitTorrent funktioniert nach wie vor; DPI wird nicht eingesetzt. Das ist an dieser Stelle der fundamentale Unterschied: Der Weg ist hier eben nicht das Ziel; im Gegensatz dazu, wenn die zu sperrende Website wirklich Auslieferer der Informationen ist.

Die Sperre legt also dem Filesharing-Willigen nicht allzu große Steine in den Weg, hat aber einen bitteren Beigeschmack, da sie effektiver als reine DNS-Manipulationen ist und sich damit sehr wohl zur effektiven Blockade gleich welcher Art oder Inhaltes beim Durchschnittsnutzer eignet.

  1. Ich persönlich nutze gerne Googles 8.8.8.8 als DNS. Ob man das selbst möchte, sei dahin gestellt, jedenfalls ist die IP auch aus dem Kopf einfach zu merken.
  2. Übrigens auch per niederländischem VPN und über Uni-Netze. Und solange nicht alle ISPs zur Sperrung verpflichtet werden, wird es wohl auch so bleiben.

2 Gedanken zu „Netzsperren in den Niederlanden

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