Der Gin des Lebens – Vorwort

Wie vielleicht einige von euch wissen, mag ich Gin. Gin ist, wie alle stärkeren Spirituosen Geschmacksache. Der in den Niederlanden verwurzelte Schnaps erlebt seit circa fünf Jahren ein echtes Comeback in der deutschen Szene, gefühlt bringt jede Woche eine Destillerie einen neuen Gin auf den Markt.

Ich möchte in einer losen Serie von Beiträgen einige Gins vorstellen. Alle haben gemein, dass ich sie persönlich ausgewählt und probiert habe. Ich versuche, von allen Gins mindestens eine Flasche zu Hause vorrätig zu haben, leider klappt das nicht immer. Wenn der Gin scheußlich oder einfach viel zu lecker war, kann er schon mal aus gehen… Dass dies, wie bei so vielem, natürlich höchst subjektiv ist, versteht sich von selbst.

Der Gin des Lebens

Gin kann nämlich unheimlich vielseitig sein, das kann seine größte Stärke, aber auch ein Manko sein. Denn oftmals streitet man sich als Gin-Fan, ob ein Gin nun zu stark von der eigenen Geschmacks-Linie abweicht. Wessen Lieblingsdrink der Vodka ist, wird dieses Problem eher nicht haben: Der schmeckt idealerweise immer gleich.

Diese Bandbreite und Kompositionsfreudigkeit des Gins eröffnet aber auch viel Raum für Geschmack und Interpretationen — willkommen in der vielfäligen Wacholder-Welt. Ein guter Gin soll sich von der Masse abheben und einen eigenen Charakter bieten, ohne dabei zu bombastisch zu sein — Spötter sprechen hier gerne mal von Hustensaft.

Was ist Gin überhaupt? Grundsätzlich erst einmal Auslegungssache. Gin und sein etwas entfernter Verwandter Genever waren eigentlich nicht als Mix-Spirits gedacht, sondern letzterer galt englischen Soldaten, die den Niederländern halfen, sich gegen die spanischen Eroberer durchzusetzen, als Medizin. Das Rezept des Genevers nahmen sie mit nach Hause und — ihr ahnt es: Auf der Insel wurde dann noch weiter an Rezeptur und Inhaltsstoffen gefeilt, bis Gin als Nobel-Spirituose galt und in den Clubs ausgeschenkt wurde.

Alle Gins haben gemein, dass sie zunächst aus möglichst neutralem Alkohol auf Stärke-Basis, meist Getreide (etwa Gerste oder Mais) bestehen. Diesem »Neutralspirit« stehen die Geschmack gebenden Gewürze und Kräuter, die „Botanics“ entgegen. Sie machen die eigentliche Mischung und Handschrift des Gins aus. Einige Gins protzen mit einer Vielzahl an Botanicals, andere rühmen sich, mit nur wenigen einen runden Geschmack erzeugen zu können. Tonangebend sind klassischerweise Beeren des Wacholderbaums (Juniper), es gibt jedoch darüber hinaus keine festen Regeln, was genau ansonsten enthalten sein muss. Genau hier liegt der größte Reiz des Gins: Für das fertige Produkt gibt es unendlich viele Interpretationen.

Bei nicht so guten Gins werden Essenzen dieser Geschmack gebenden Aromen einfach in den neutralen Alkohol eingerührt: Fertig ist der Billig-Gin. Kann man vielleicht mal probieren, um sich zu erden, schmeckt aber nicht besonders toll oder erstrebenswert und riecht in aller Regel wie Klebstoff.

Bei guten Gins klappt diese Geschmacks-Infusion normalerweise etwas anders: Der hochprozentige Neutralalkohol wird mittels Wasser auf eine Stärke von 40-45 % reduziert und in Brennblasen aus Kupfer geleitet. Hier werden dann die zerkleinerten Botanicals zugeleitet und für eine bestimmte Zeit in Kontakt mit dem Alkohol gebracht (Mazeration) und dann zusammen mit diesem destilliert oder der Alkohol wird verdunsten lassen und dann durch die Botanicals geleitet. Die Geschmacksstoffe gehen bei beiden Verfahren mit der Zeit in die Alkoholflüssigkeit über. Nach erneuter (mehrfacher) Destillation (der Gin darf sich dann „Destilled Gin“ nennen) kommt der Gin dann zu seinem endgültigen Geschmack und wird in der Regel noch durch Zugabe von Wasser auf seine Ziel-Alkohol-Prozentzahl (mindestens 37,5%) gebracht, eventuell noch filtriert und abgefüllt.

Hier noch ein Hinweis: Guter Gin hat in der Regel nie weniger als 40% und schon gar nicht diese minimalen 37,5% Alkohol. Er bewegt sich durchweg im Bereich von etwa fünfundvierzig oder mehr Prozent. Man mag das kaum glauben, wenn man es nicht probiert hat, aber der Geschmack leidet wirklich wirklich unter diesem niedrigen Alkoholgehalt.

Dem Genuss steht nun nichts mehr im Wege, denn Gin lässt sich selbstverständlich pur genau so gut wie gemischt genießen.

Weiter gehts bei meinem ersten Kandidaten, einem echten Klassiker: Dem Bombay Sapphire.