Androids größte Probleme
von Martin Weber
Googles Android hat in den letzten 2 Jahren den Smartphone-Markt gehörig aufgewirbelt und ist neben Apples iOS zum wichtigsten Betriebssystem für Smartphones aufgestiegen. Es gibt jedoch Probleme, die unbedingt angegangen werden müssen.
Versionierung
Das Android-Betriebssystem ist mittlerweile in der Version 2.2 (Codename Froyo) angekommen. Doch über die großartigen Funktionen dieser Version können sich leider nur die wenigsten Nutzer freuen. Genauer gesagt ist die neueste Android-Version momentan nur auf dem von Google verkauften und vertriebenen Nexus One und dem HTC Desire, sofern es ohne Branding1 gekauft wurde, lauffähig. Die Besitzer anderer Android-Smartphones müssen sich gedulden2 — wie lange, das weiß keiner so genau.
Denn bei der Veröffentlichung der Updates entsteht ein bisweilen lustiges Verwirr- und Schuldzuweisungsspiel zwischen Google (dem Entwickler des Android-OS), dem Handyhersteller (bspw. Samsung, HTC, Motorola) und — wenn es ganz dumm kommt — dem Mobilfunknetzbetreiber (Carrier)3, bspw. Vodafone oder O2. Der von Google freigegebene Quellcode muss nun vom Hersteller auf sein Gerät angepasst werden. Dabei gibt es diverse technische Feinheiten zu berücksichtigen4. Schlimmstenfalls kommt auch noch ein Carrier wie Vodafone ins Spiel, der die in den eigenen Ladengeschäften verkauften Handys noch aufhübschen™ möchte und statt Updates auch schon mal allerlei Dreckssoftware installiert: Sie sehen, das Chaos ist perfekt. Wer sich darauf verlässt, für sein Gerät X bald ein Android-Update zu erhalten, der ist im schlimmsten Fall verlassen.
Abhängigkeiten und der Market
Diese inkonsistente Update-Politik führt leider dazu, dass die Vielzahl der Android-Nutzer nicht schnell auf die jeweils aktuellsten Versionen updaten können — einer Meldung von Heise aus dem Juni 2010 zufolge liefen nur ca. 50 Prozent der Android-Smartphones mit der damals aktuellen Android-Version 2.1, welche zum Zeitpunkt der Meldung bereits knapp sechs Monate auf dem Markt war. Dies bringt eine unheilvolle Fragmentierung der Plattform mit sich: App-Entwickler müssen eine größere Versionsspanne als es eigentlich nötig wäre bedienen. Dies lähmt die Plattform, weil beispielsweise auf eigentlich obsolete Standards Rücksicht genommen werden muss. Auch ein anderes Problem hängt zumindest teilweise mit den fehlenden Upgradepfaden zusammen: Der Android Market. Der Marktplatz zur Installation und Kauf von Software ist nur ungenügend an verschiedene regionale Bedürfnisse angepasst und auch regional nicht überall gleich ausgebaut. So wird der Applikationspreis immer in der Währung des Entwicklers der App angezeigt. Das heißt, das ein Kunde aus Deutschland bei einer amerikanischen App stets den Preis in Dollar sieht. Eine App zu unterschiedlichen Preisen und Währungen in unterschiedlichen Regionen anzubieten ist ebenfalls nicht möglich. Die Zahlungsweisen für den Käufer sind ebenfalls begrenzt: Man kann nur per Google Checkout und somit indirekt per Kreditkarte zahlen. Überhaupt kann man nur in dreizehn der 46 Länder, in welchen der Store zur Verfügung steht, überhaupt zahlen. Wer keine (der unterstützten) Kreditkarte(n) besitzt oder in einem »falschen« Land lebt, kann also keine Apps im Market kaufen5.
Ein weiteres Problem gibt es mit den verschiedenen Auflösungen der Android-Geräte. Die kleinsten Android-Smartphones, beispielsweise das HTC Wildfire, besitzen eine Auflösung von nur 240×320 Pixeln, aktuelle Topmodelle wie das Nexus One oder das (fast) baugleiche HTC Desire jedoch 480×800 Pixel, Android-Tablets haben nochmals andere Auflösungen. Durch die verschiedenen Auflösungen und deren Seitenverhältnisse ergibt sich ein munterer Wildwuchs: Nicht jede App ist auf jedem Endgerät im Market sichtbar. Welche App in welcher Version in welcher Auflösung funktioniert, lässt sich zwar vom Entwickler festlegen, oftmals sind diese Flags aber leider falsch gesetzt.
Lizenzierung und Richtlinien
Zur oben beschriebenen Versionsproblematik kommt ein Lizenzierungsproblem: Das Android-System ist für Hersteller bequem und — im Vergleich zu Symbian und Windows Mobile — günstig zu lizenzieren. Also wird Android auf möglichst viele Geräte gebracht: Vom Lowend-Tablet bis zum Highend-Handy. Auch hier ist der kleinste gemeinsame Nenner schnell erreicht: Es ist Android selbst. Alles, was darüber hinaus geht, liegt beim Hardware-Hersteller. Welche Bildschirm-Auflösung das Gerät hat, mit welcher Android-Version es installiert wird, ob es einen Zugriff auf den Market bekommt — keine Ahnung; sehen wir mal.
Zusammenfassend kann man sagen, dass das Prädikat »läuft mit Android« momentan leider maximal schwammig zu sehen ist: Man hat keinerlei Sicherheit, welche der zukünftig erscheinenden Versionen auf dem Mobiltelefon lauffähig sein wird — Garantien dafür gibt es kaum. Auch ist derzeit bei kaum einem Hersteller eine konsistente Updatepolitik zu erkennen.
Zusammenfassung
Viele Hersteller scheinen noch nach alten Denkmustern zu arbeiten: Ist das Handy auf dem Markt, können wir uns seinem Nachfolger und dessen Software widmen — dem verkauften Gerät brauchen wir keine große Aufmerksamkeit mehr zu schenken. Doch dies ist falsch und führt langfristig zur Abwertung des Herstellers (und damit auch mittelbar zur Abwertung der Plattform) in der Kundengunst: Wenn der Kunde sieht, dass ein Hersteller die Updatepflege seiner Geräte stiefmütterlich behandelt, wird er sich beim nächsten Kauf vermutlich nicht mehr für ein Gerät dieses Herstellers entscheiden. Schlimmer noch wäre es, wenn er sich gleich für ein anderes Betriebssystem entscheidet. Für die Entwickler und Google gilt gleichermaßen, dass sie an einem Strang ziehen müssen. Nur so wirkt die Android-Erfahrung auf möglichst vielen Geräten wie aus einem Guss.
Lösungsvorschläge
Ich sehe bei der Behebung der Probleme natürlich vor allem Google in der Pflicht: Google müsste wesentlich mehr Interesse zeigen, die Marke Android zu stärken. Wo Android drauf steht, muss auch Android mit einem straffer definierten Funktionsumfang drin sein.
Der Market bedarf eines kompletten Refactorings: Neuer, besser, schneller, größer, internationaler, universeller. Wenn neue Märkte erschlossen werden, Entwickler Geld verdienen und die Plattform gestärkt werden soll, ist das unumgänglich.
Für die anderen beiden Probleme schwebt mir eine Zertifizierungslösung vor: Ein »We Care!«-Siegel für die entsprechenden Produkte. Hersteller, die sich zu bestimmten Updatezyklen (natürlich an Googles offizielle Releases angepasst) und Crapware-Freiheit verpflichten, können mit diesem Siegel werben und ihre Geräte als voll kompatibel und updatefähig anpreisen. Das Siegel hätte eine große Signalwirkung und würde Kunden einen Hinweis beim Kauf geben — und gleichzeitig die Hersteller in die Pflicht nehmen, die sich gegen das Siegel und somit indirekt für weniger Neukunden entscheiden: Tut etwas und macht eure Geräte fit für das Siegel, sonst wird sie bald niemand mehr kaufen.
Android ist in den knapp zwei Jahres seines Entstehens zu einer der Größen im Smartphonemarkt geworden. Damit das auch so bleibt und Android weiter wachsen kann, muss sich Google dieser Sachen annehmen.
- Als Branding bei Mobiltelefonen bezeichnet man netzbetreiberseitige Anpassungen an den Geräten. Man unterscheidet zwischen Hardware- und Software-Branding: Ersteres ist dem begriffsgebenden »Brandmarken« sehr nahe, in der Regel wird das Logo des Carriers auf das Handy gedruckt oder das Handy unter anderem Namen auf den Markt gebracht. Zweiteres bezeichnet Anpassungen oder Deaktivierungen in der Benutzeroberfläche, den Funktionen und den Einstellungen des Handys-Betriebssystems. Diese Unsitte hat ihren Ursprung in subventionierten Vertrags- oder Prepaidhandys, hat sich aber leider auch bis zu vollpreisigen, vertragslosen Handys, die über die Carrier verkauft werden, gehalten. ↩
- Mir ist bewusst, dass es — beispielsweise per CyanogenMod — durchaus Möglichkeiten gibt, Froyo auch auf älteren und nicht offiziell unterstützten Geräte zu installieren. Es geht mir aber um die offizielle Updatepolitik, denn nicht jeder ist willens, fähig und mutig, einen Mod auf seinem Mobiltelefon zu installieren. ↩
- Wenn das Handy bei ebendiesem gekauft wurde. ↩
- Beim Motorola Milestone hat sich beispielsweise herausgestellt, dass der verbaute WLAN-Chipsatz das mit Android-Version 2.2 eingeführte Wifi-Tethering nur teilweise unterstützt. ↩
- Jon Lech hat das Store-Problem in seinem Weblog zusammengefasst; auch Tricia Duryee hat etwas dazu geschrieben. ↩
Ich gebe dir Recht. Gerade die Update Problematik muss sich ändern. Was ich neulich gelesen habe, tut sich da evtl. auch schon was: Motorola will seine neues Andriod Phones ohne eigenes Interface (Motoblur?!) ausliefern. Dadurch müssten ja dann neue Updates auch schneller zur Verfügung stehen, wenn nur noch die Anpassungen an die Hardware zu machen sind. Und will nicht Google mit Android 3.0 auch Interfaces von Herstellern irgendwie verbieten/aussperren? Meine da auch mal sowas gelesen zu haben. Kann aber auch ein Gerücht sein.
Google steht vor der schwierigen Aufgabe, die strauchelnde Qualität der Android-Plattform hochzuhalten, ohne dabei die „Offenheit“ einzuschränken, die schon immer Androids größtes Verkaufsargument war.
So kritisch man Apples restriktive Politik rund um iOS sehen mag, so ist es doch der eisernen Faust von Steve Jobs zu verdanken, daß seine Kunden trotz vereinzelter Problemfälle auf einheitliche Mindeststandards im iTunes-App-Store vertrauen dürfen, und daß das iPhone als einziges Smartphone überhaupt in den USA auf breiter Front von einem Carrier ohne Branding und Crapware vermarktet wird.
Die Aussage “Das Android-System ist für Hersteller bequem und — im Vergleich zu Symbian und Windows Mobile — günstig zu lizenzieren.” bitte präzisieren. Google Android ist unter der Apache Lizenz und somit frei und kostenlos für alle. Google nimmt lediglich dann Geld ein, wenn die Hersteller auch noch die Google Applikationen wie Maps integrieren. Das ist aber optional und muss keiner. Hier gab es in der Vergangenheit einigen Ärger und mittlerweile ebenfalls Open-Source Bemühungen aus der Community. Eine ganz eigene Geschichte :)
[...] zukünftig mit der Inkompatibilität von Apps herumschlagen müssen. Immerhin ist die durch unterschiedliche Versionen und Gerätetypen verursachte Fragmentierung dort seit jeher sehr viel stärker ausgeprägt und ein allgemeines Ärgernis. Dieser Text ist mir [...]
[...] Das freie Handy-Betriebssystem Android hat den Markt in den letzten beiden Jahren gründlich aufgemischt und etablierten Plattformen Marktanteile abgenommen. Doch in der letzten Zeit werden auch kritische Stimmen immer lauter. Von Fragmentierung und Abhängigkeiten ist unter anderem die Rede. Martin Weber fasst die größten Probleme von Android sehr schön zusammen. [...]
Vorbildlich, dass hier obwohl der Sommer so heiss ist noch soviel Zeit vor dem Computer verbracht wird.
Ich hab’ deinen Artikel mit ständigem zustimmendem Nicken gelesen, sehr schön! Und ich glaube, Lars hat Recht. Ich habe auch im Kopf, dass mit der nächsten Version (Gingerbread) weder Smartphonehersteller noch Carrier Änderungen an der Software vornehmen dürfen.
Des weiteren ist Google doch gerade am verhandeln mit PayPal, um es als Bezahlsystem für den Store einzuführen. Das sind doch schonmal zwei große Schritte in die richtige Richtung.
Ich find’s beachtenswert, dass du in keinster Weise auf die “Unordnung” und die “Unübersichtlichkeit” des Markets eingehst.
Sonnige Grüße aus Fellbach – spread the smile – faby
Martin ich gebe dir vollkommen Recht. Wo ich auch noch die Problematik sehe ist, es wurde teilweise einfach nicht weitergedacht. Was teilweise sehr enttäuschend ist.
Das Betriebssystem Android muss ich ganz ehrlich sagen, find ich wirklich toll. Aufgrund der unausgereiftheit an manchen Ecken & Kanten kann ich es meinen Kunden eher schwer empfehlen (OWO-Consulting der FULL-Service Berater für Handy, PC und WEB)!
Mache mir aber dahingehend keine Gedanken das Google bald eingreifen wird. Da Google bekanntlich vor uns weiss was wir wollen! ;)
Lg. OWO
Ich bin selbst zwar reiner iOS-Anwender (bisher) und habe Bemerkungen von iOS-Entwicklern, Android sei zersplittert und der Market unausgereift, für (in gewissen Maßen) Markentreue von Apple-Jüngern gehalten — es ist also wohl doch etwas dran.
Und Google hat es in diesem Spagat zwischen Hardwareproduzenten, Softwareentwicklern, Netzbetreibern und nicht zuletzt den Anwendern schwer, alle zu bedenken, glücklich zu machen, womöglich gar zu begeistern. Für Apple fällt im Vergleich zumindest der Hardware-Teil weg, da sie ihn selbst übernehmen, was eine wesentliche Erleichterung darstellt.
Ich wünsche mir daher eine große innovative Kraft von Google, denn ohne ernsthafte Konkurrenz neigt Apple leider dazu, sich auf dem Erreichten auszuruhen — «It’s magic!» — jedenfalls erscheint es uns Irdischen von außerhalb des Musentempels Cupertino so; wer weiß, welches „geniale Wunderprodukt“ dort längst produktionsreif gemacht wird, während die Konkurrenz sich noch auf die aktuellen Produkte einzuschießen versuchen. ;-)
Ach ja, Frohes Neues noch — aus aktuellem Anlass! ;-)))
Apropos „Konkurrenz [, die] sich noch auf die aktuellen Produkte einzuschießen versucht (!)“: bestes Beispiel ist Nokia, die sich anscheinend unter einem iPhonekiller ein N8 vorstellen, ein Gerät, das durchaus bessere Hardware aufweist, diesen Vorteil aber durch miese Software verspielt — warum hat Nokia das Teil nicht z.B. mit Froyo oder wenigstens Maemo ausgestattet?!?